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16.11.2018 NW Bünder Tageblatt


Stilles Gedenken füllt sich mit Leben

Volkstrauertag: Nach der Zäsur 2013 wegen Streitigkeiten um die Reichskriegsflagge wollen die Realschule Bünde Nord und Organisatoren der Gedenkveranstaltung wieder Lebendigkeit einhauchen

Diese Sieben stehen für einen Neuanfang

Paula Buddenberg (vorn von links), Rene Kröger, Lilly-Lotte Stratmann, Mika Sewing, Emma Schöbel, Maik Schwarz und Sanina Rinke. Dahinter auf der Treppe Bürgermeister Wolfgang Koch, Gisela Ebeling und Sven Kampeter. Foto: GERALD DUNKEL

Bünde. Seit 2013 blieb die Gedenkfeier am Volkstrauertag im Vergleich zu früheren Veranstaltungen vergleichsweise still. Grund waren Querelen um das Zeigen der Reichskriegsflagge, mit der die Bünder Marinekameradschaft seit Jahrzehnten schon an diesem Gedenktag teilnahm. Ein SPD-Ratsherr kritisierte das damals. Danach entbrannte ein zum Teil öffentlich ausgetragner Streit darum. Die Marinekameradschaft nahm fortan nicht mehr teil – ebenso wie viele weitere Vereine und Institutionen. Mit engagierten Zehntklässlern der Realschule Bünde-Nord kann jetzt ein Neustart gelingen.
Viele Jahre fand die Gedenkveranstaltung am Ehrenmal am Nordring in Bünde statt. Nach dem Eklat um die Reichskriegsflagge, die nach Ansicht von Kritikern „kriegsverherrlichend“ sei und in abgewandelter Form heute von Neonazis genutzt wird, zogen der Bürgermeister und Vertreter aus Rat und Verwaltung zum Ehrenmal an die Hochstraße in Ennigloh um. Seit dem war es ein sehr stilles Gedenken. In den Jahren zuvor hatten Schüler der Realschule Bünde-Nord aktiv die Feier am Ehrenmal sowie im Ratssaal mitgestaltet.
Sven Kampeter, der die Organisation der Veranstaltung vor drei Jahren übernommen hat, wollte dem Gedenken vorwiegend auch durch Beteiligung junger Menschen wieder Leben einhauchen und lief bei der Realschule Bünde-Nord in Person von Lehrerin Gisela Ebeling und einer siebenköpfigen Gruppe von Zehntklässlern vor drei Wochen offene Türen ein. „Eigentlich wollte ich nur fragen, ob sich die Schule im kommenden Jahr wieder beteiligen möchte“, erklärte Kampeter. Doch Gisela Ebeling fragte gleich: „Warum nicht schon dieses Jahr?“ Sie war sich des Engagements ihrer Schüler sicher. „Die Friedenserziehung ist bei uns an der Schule immer ein Thema“, sagte sie bei der Vorstellung des Programms für die Gedenkveranstaltung am kommenden Sonntag. Das Engagement der Realschule Bünde-Nord bei Sammlungen für die Kriegsgräberfürsorge und auch bei früheren Gedenkveranstaltungen am Volkstrauertag in Bünde hat schon traditionellen Charakter. Gisela Ebeling brauchte nicht lang zu suchen, bis sie vier Schülerinnen und drei
Schüler fand, die auch bereit sind, bei einer Gedenkveranstaltung vor anderen Menschen zu sprechen.

„Diese sieben sind hochmotiviert.“ „Unser Frieden in Europa und der Welt steht auf wackeligen Füßen“, sagt Ebeling. „Und sobald die Erinnerung daran verschwunden ist, weiß niemand mehr, wie sehr die Menschen dabei gelitten haben.“
So sehen es auch die Zehntklässler, die am Sonntag bei der Gedenkveranstaltung auf eine besondere Weise an die großen Kriege der Vergangenheit erinnern werden. Sie haben die Dauer der militärischen Auseinandersetzungen in Stunden umgerechnet und die Zahl der Opfer ebenfalls. Das Ergebnis sind bedrückende Zahlen. So dauerte der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71 insgesamt 5.328 Stunden, was bei 250.000 Gefallenen 47 pro Stunde ergibt. Im Ersten Weltkrieg waren es schon 267 Gefallene pro Stunde. Und rechnet man im Zweiten Weltkrieg militärische und zivile Opfer zusammen, sind in jeder Stunde 1.045 Menschen durch den Krieg ums Leben gekommen.
Daran zu erinnern, das sehen die Schüler als ihre Aufgabe am Sonntag. „Es gibt nur noch wenige Zeitzeugen. Und bald wird es gar keine mehr geben“, sagt Lilly Stratmann und Sanina Rinke ergänzt, „dass die Erinnerung an die Kriege nie verschwinden soll“. Emma Schöbel war beeindruckt von der Vorbereitung: „Man hat das zwar in Geschichte, aber so intensiv haben wir uns damit noch nicht auseinandergesetzt.“ Paula Buddenberg findet, dass man sich „besser mit der Vergangenheit identifizieren kann, wenn man selbst Teil einer solchen Veranstaltung ist. Maik Schwarz sagt: „Wenn immer mehr Menschen vergessen, wie schlimm die Kriege gewesen sind, kann das auch gefährlich sein.“
Bürgermeister Wolfgang Koch war bei der Vorstellung des Programms sichtlich erleichtert und froh: „Ich finde das Engagement der Schüler und der Schule toll Das macht mich sehr optimistisch dass wir die Gedenkveranstaltung künftig wieder regelmäßig durchführen können “ Im kommenden Jahr ist schon die Beteiligung der Gemeinde vorgesehen, so dass die Gedenkveranstaltung dann erneut wachsen soll. Als Veranstaltungsort soll es aber bei der Hochstraße in Ennigloh bleiben. „Am Nordring kann es nach den Querelen nicht wieder so sein wie zuvor“, sagt Gisela Ebeling.


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