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11.08.2015 NW Bünder Tageblatt


Bürger zwischen Skepsis und Solidarität

Informierten über die Lage:

Gemeindepfarrer Joachim Boecker (v. l.) moderierte die Veranstaltung der Stadt, Bürgermeister Wolfgang Koch und Günther Berg, 1. Beigeordneter, beantworteten Fragen der Anwohner. FOTO: CORINNA SCHWANHOLD

Stadt informiert Einwohner über Notunterkunft in der ehemaligen Grundschule Ahle

Von Corinna Schwanhold

Bünde. Seit dem Wochenende leben 150 Flüchtlinge in der Erstaufnahmeeinrichtung in der Grundschule Ahle. Obwohl sich viele freiwillige Helfer gemeldet haben, gibt es auch Skepsis unter den Anwohnern im Bünder Ortsteil. Um ihre Fragen zu beantworten und ihre Sorgen zu hören, lud die Stadt am Sonntag zu einer Anliegerversammlung ein, die Gemeindepfarrer Joachim Boecker moderierte.

Etwa 180 Menschen aus Ahle und anderen Ortsteilen waren in das Gemeindehaus in Holsen gekommen, um sich von Vertretern der Stadt, des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) und des zuständigen Sicherheitsdienstes HNR zu informieren.

Günther Berg, 1. Beigeordneter der Stadt Bünde, der Bürgermeister Wolfgang Koch während seines Urlaubs bis Freitag vertreten hatte, erklärte die Ereignisse der vergangenen Woche: Am Dienstagnachmittag habe die Regierungspräsidentin mit der Bitte angerufen, bis Freitag eine Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge mit 150 bis 200 Plätzen einzurichten.

Dabei wies Günther Berg darauf hin, dass es sich faktisch um eine Amtsanweisung gehandelt habe. "Wir waren nicht darauf vorbereitet", sagte Günther Berg, dessen Aussage einige Ahler mit empörten Reaktionen quittierten.

"Ich weiß, dass das Gerücht kursiert, wir hätten schon einen Plan gehabt. Aber wenn Sie mir nicht glauben, können Sie die Handwerker fragen." Seine einzige Vorbereitung bislang sei eine Liste mit den privaten Handynummern aller Akteure gewesen.

Dass die Grundschule Ahle aus Sicht der Stadt die einzige Möglichkeit sei, betonte Berg auf Nachfrage einiger Anwohner. Es gebe bestimmte Anforderungen, die eine Unterkunft erfüllen müsse, der Brandschutz stehe ganz oben auf der Liste. "In Kurhäusern und anderen Objekten wäre das nicht zu gewährleisten." Deshalb habe der Krisenstab unter seiner Leitung (in Vertretung für Bürgermeister Wolfgang Koch) sich für die leer stehende Grundschule entschieden. Die Vorbereitung vor Ort sei "wunderbar koordiniert" abgelaufen. "Ich bin allen von Herzen dankbar, dass sie geholfen haben."

Susanne Paul-Brandt, Einsatzleiterin beim DRK, erklärte im Anschluss die Arbeit der Rotkreuzler und lobte die Bevölkerung. "Ich bin begeistert von der Hilfsbereitschaft." Das DRK freue sich über jeden, der bereit sei zu helfen.







Trotz der Informationen gab es noch viele Fragen im Publikum, dessen Stimmung insgesamt recht aufgeheizt war. Zur Sicherheitslage fragte ein Anwohner, woher die Stadt wisse, "welche Leute jetzt bei uns über die Straße laufen?" Dazu antwortete Wolfgang Koch, dass die Menschen registriert seien und die Behörden untereinander Daten verglichen.

Er reagierte auch auf den Wunsch einer Mutter, die Bushaltestelle für Schulkinder von der Grundschule zu verlegen. "Ich möchte nicht, dass meine Kinder weiterhin vor der Schule stehen." Darauf sagte Wolfgang Koch, dass er zwar keinen objektiven Sicherheitsgewinn durch die Verlegung sehe. "Wir werden aber den Eindruck der subjektiven Sicherheit verstärken." Deshalb sei zu überlegen, ob die Einrichtung zweier Ersatzhaltestellen möglich sei.

Ein direkter Nachbar der Grundschule berichtete, es hätten sich bereits mehrfach Flüchtlinge auf seinen Rasen gelegt. Die Polizei und das Bonus-Team hätten sich beide nicht zuständig gefühlt. Auf diese und weitere Anfragen der Anwohner versprach André Niederée vom zuständigen Sicherheitsdienst HNR, dass seine Mitarbeiter für die Anwohner immer ansprechbar seien. Wolfgang Koch kündigte an, dass der Bauzaun verstellt werde, damit Ahler Kinder wieder auf dem Spielplatz der Grundschule spielen könnten und so ein erster Kontakt hergestellt werde.

Trotz der Skepsis, die im Saal deutlich zu spüren war, zeigte sich auch Solidarität mit den Flüchtlingen. Eine Anwohnerin reagierte auf die geäußerten Sicherheitsbedenken einiger Anlieger und sagte: "Mir klopft das Herz bis hier oben, wenn ich das höre. Wie kann man denn so grausig sein? Wir wissen doch nicht, was für Menschen das sind. Deshalb sollten wir zunächst einmal davon ausgehen, dass es keine Verbrecher sind."

Eine andere Dame aus dem Publikum berichtete von ihren Erfahrungen als ehrenamtliche Helferin in der Unterkunft. "Ich habe in der Unterkunft nur Positives erlebt. Nur wenn Sie sich öffnen, werden Sie Ihre Ängste verlieren."

© 2015 Neue Westfälische
11 - Bünde, Dienstag 11. August 2015


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